Margriet de Moor

Biographie

Margriet de Moor wurde als Margaretha Maria Antonetta Neefjes am 21. November 1941 in Noordwijk geboren. Die Familie, in der sie aufwuchs, war kinderreich und katholisch. Der Vater war Schulleiter der örtlichen Volksschule (ULO), die Mutter Französischlehrerin. „Ich komme aus einer großen Familie mit zehn Kindern, davon sieben Mädchen“, erzählte De Moor in einem Interview mit dem Leeuwarder Courant. „Ich schlief oft mit meinen Schwestern in einem Zimmer, meistens sogar im selben Bett. Ich hatte dadurch eine sehr intimes und lockeres Verhältnis zu ihnen. Wenn es gut geht, können Schwestern unglaublich solidarisch sein. In guten und in schlechten Momenten.“ Das Schwesternthema kommt häufig in De Moors Werk vor, unter anderem in dem Roman „Der Virtuose“ (1993, deutsch 1994): Dort hat die Hauptfigur Carlotta eine sehr leichtsinnige ältere Halbschwester, die ihre Gedanken lesen kann.

Margriet de Moor studierte Piano und Sologesang am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Ab 1968 trat sie regelmäßig als Sängerin im Rahmen eines Avantgarde-Repertoires auf. Ende der siebziger Jahre begann sie ein Studium der Kunstgeschichte und der Archäologie an der Universität Amsterdam. Sie heiratete den Bildhauer Heppe de Moor, bekam zwei Töchter und eröffnete mit Ihrem Mann 1984 in `s-Graveland einen Kunstsalon. Für die dortigen sehr erfolgreichen Veranstaltungen produzierte sie Videoporträts der ausstellenden bildenden Künstler.

Margriet de Moor las viel. „Jahrelang hatte ich gedacht, nur eine Leserin zu sein. Eine Leserin mit einer Vorliebe für möglichst dicke Romane“, schrieb sie über diese Zeit in „Ich träume also“ (1995, deutsch 1996). „Bis eines Tages das Lesen ein Ausweiten zu seinem anderem Ich einforderte. Daraufhin setzte ich mich in einer Stimmung, die ich nicht anders als eine Kombination zwischen Arbeitslust und Leere beschreiben kann, in ein ungenutztes Zimmer oben im Haus.“

1988 erschien ihr erstes Buch. „Rückenansicht“ (deutsch 1993), eine Sammlung sorgfältig komponierter und konstruierter Erzählungen, die für den AKO-Literaturpreis nominiert wurde und als das bestverkaufte Debüt das Gouden Ezelsoor gewann. „Einmal begonnen, zeigte sich, daß fast alle Rezensionen positiv waren. Das hat mich am meisten verblüfft.“ De Moors zweites Buch war eine Sammlung von drei Novellen unter dem Titel „Doppelporträt“ (1989, deutsch 1994) – und auch dies bekam viel Lob. Sie erhielt hierfür den Lucy B. en C.W. van der Hoogtprijs.

De Moors erstem Roman, „Erst grau, dann weiß, dann blau“ (1991, deutsch 1993) wurde noch lauter zugejubelt: Dieses Buch bekam den AKO-Literaturpreis. In dem Roman wird eine Frau – Magda – ermordet, die jahrelang spurlos verschwunden war. Ihr Mann Robert ist einer der Verdächtigen. Er scheint über ihr Verschwinden nicht hinweggekommen zu sein. Im Mittelteil des Buches wird die Reise der Frau rekonstruiert. Die Erkundungsfahrt und die Suche bekommen als Thema eine zentrale Rolle in De Moors Werk, ebenso wie Figuren, die die Menschen und die chaotische Welt um sich herum in den Griff zu bekommen versuchen.

In „Der Virtuose“ (1993, deutsch 1994) taucht De Moor in die Geschichte ein: Sie beschreibt in diesem Roman Carlottas Liebe für den Kastraten und Wundersänger Gasparo im achtzehnten Jahrhundert. Ort: Neapel. De Moor: „Ich wollte über Virtuosität schreiben, denn ich finde Handwerk, jedes Handwerk – egal ob das eines Antiquars, eines Musiker oder eines Imkers – sehr interessant. Der Gipfel eines Handwerks ist für mich Virtuosität. Dabei scheint zu dem bloßen handwerklichen Können eine Art Gnade hinzuzukommen.“

Mit „Herzog von Ägypten“ (1996, deutsch 1997) schrieb Margriet de Moor einen Roman über die Ausgestoßenen und Geächteten, über das Schicksal der Zigeuner.
Es ist die Liebesgeschichte zwischen einem Roma-Zigeuner und einer Bäuerin in den 60er Jahren. Die beiden heiraten, haben Kinder und führen eine ungewöhnliche Ehe: Jedes Frühjahr verlässt Joseph seine Frau und macht sich auf den Weg zu seiner Verwandtschaft, irgendwo in Europa, in einer Welt, die von anderen Gesetzen regiert wird.

1999 folgte dann „Die Verabredung“ (deutsch 2000), die „Geschichte eines Weges“ zwischen zwei Orten – von Zee nach Binnen. Dort kreuzt sich eines Tages das Leben des Tierarztes Viktor Lukas mit dem von Gemma – der Frau, deren Taschenkalender er findet, mit seinem eigenen Namen darin notiert. Offensichtlich hat sie ein paar Wochen später eine Verabredung mit ihm. In seiner Phantasie wird sie nach und nach zur Traumfrau und zur imaginären Geliebten. Gemma selbst scheint jedoch eine viel düstere Vergangenheit zu haben, als er sich vorstellen kann.

De Moors große Themen, die Musik und die Liebe, stehen im Zentrum des Romans „Kreutzersonate“ (2001, deutsch 2002). Der blinde Musikkritiker Marius van Vlooten war seit einer desaströsen Beziehung in seiner Jugend (aufgrund derer er sich in den Kopf schoß) nie mehr verliebt. Doch als Van Vlooten bei einer Masterclass in Bordeaux die Violinistin Suzanne Flier kennenlernt, ändert sich alles für ihn. Dies geschieht unter dem Einfluß von Janáceks „Kreutzersonate“ – jener Komposition, die die Antwort auf Beethovens „Kreutzersonate“ formte – und von Tolstojs Roman, der darauf basierte. Die zwei heiraten, doch ihr Leben ähnelt dem der Figuren in Tolstojs Roman: Auch bei ihnen wird die Realität durch Untreue und Eifersucht heimgesucht.

In ihrem jüngsten Roman „Sturmflut“ (2005, deutsch 2006) erzählt de Moor von einer ungeheuren Naturkatastrophe und von den gegensätzlichen Schicksalen zweier Schwestern, die einander bis zum letzten Atemzug verbunden sind. Die eine, Lidy, gerät in das historische Unwetter Zeelands von 1953, während die andere, Armanda, sich um Lidys Mann und Tochter kümmert. Ganz allmählich beginnt Armanda das Leben zu führen, das eigentlich für ihre Schwester bestimmt war. Es geht um Liebe und Verlust, um die Naturgewalten und den Tod und um die beunruhigende Frage, was geschieht, wenn man sich unversehens statt in der eigenen Biographie in einem anderen Leben wiederfindet.

Margriet de Moor lebt  und arbeitet heute in Bussum. Ihre Romane und Erzählungen sind in alle Weltsprachen übersetzt worden.

Aus dem Niederländischen von Imke Meier



Margriet de Moor
Foto: Maria Neefjes
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