„Ein ständiges Suchen nach etwas, das sich nicht preisgeben will"
Zu Margriet de Moors Werk
Von dem Moment an, als Margriet de Moor mit den Erzählungen „Rückenansicht“ debütierte, wurde sie zur Spitze der Niederländischen Literatur gezählt. Das ist bemerkenswert, denn die meisten Autoren brauchen mehrere Bücher, um von der literarischen Klasse anerkannt zu werden. Die Gründe für diese sofort hohe Wertschätzung liegen darin, daß De Moor von Beginn an den Beweis lieferte, daß sie alle literarischen Mittel beherrscht. Ihr musikalischer Hintergrund sorgte dafür, daß sie ein großes Gespür entwickelte für die Stimmführung in der Literatur, für die Komposition einer Geschichte, für die Tempi und die Intonation. Mit ihrer fast beiläufigen Beherrschung dieser Mittel gelang es ihr, nicht nur die Berufsleser auf ihre Seite zu ziehen, sondern auch, eine große Öffentlichkeit an sich zu binden. Zudem stieß sie mit ihrem Werk auf große internationale Aufmerksamkeit. In Deutschland, wo all ihre Bücher veröffentlicht sind, wird sie hoch geschätzt. Übersetzungen ihres Werks erschienen außerdem in England, Frankreich, Spanien, Italien, Japan, Rußland, Ungarn, etc.
Das wichtigste Thema ihres Werks wird schon im Titel ihres Debüts
zusammengefaßt - „Rückenansicht“. Auf diese
Weise werden die Figuren in den Romanen und Erzählungen De Moors
meistens beleuchtet: Wir bekommen nur einzelne Aspekte von ihnen zu
sehen, über den Rest können wir nur mutmaßen. Ihre
Figuren, deren Verhalten und Leben sind schwierig zu durchgründen.
Größtenteils sind wir auf Vermutungen angewiesen. Wir wissen
nur wenig über ihre Vergangenheit; die Situation, in der sie sich
befinden, ist voll von unbekannten Elementen. Es ist, als ob just die
fehlenden Elemente den (unsichtbaren) Schlüssel für ihre „condition
humaine“ bildeten. Margriet de Moors Werk ist – um ein
Zitat aus einer ihrer Erzählungen zu verwenden – „ein
ständiges Suchen nach etwas, das sich nicht preisgeben will. Unfaßbar.
Weg. Nicht bestimmt für Sterbliche.“
Dieses Thema legt auch die Erzählperspektive fest, die in De Moors
Erzählungen eingenommen wird: Oft ist es eine anonyme, über
der Geschichte schwebende Stimme, etwa eines miterlebenden Außenstehenden.
Das Werk De Moors tastet die Grenze zwischen der sichtbaren und der
unsichtbaren Wirklichkeit ab. Was wir sehen, ist nicht viel mehr als
die Hypothese der Wirklichkeit.
Es ist die Erkundung der unsichtbaren Welt, die die Möglichkeiten
für die Phantasie schafft. Autobiographisch ist das Werk De Moors
kaum, zumindest nicht in dem Sinn, daß Fakten aus ihrem persönlichen
Leben in ihren Geschichten eine entscheidende Rolle spielten. Auch
dies mag dazu beigetragen haben, daß ihr Werk bei den Literaturliebhabern
so hoch geschätzt wird – gerade weil das Autobiographische
die Niederländische Literatur zu dominieren droht.
Das Autobiographische in De Moors Werk drückt sich am ehesten
aus im Stil, in der Komposition, der Intonation. „Es gibt nur
wenige Momente“, bemerkte sie in ihrer Dankesrede zum Lucy B.
en C.W. van der Hoogt Prijs (1991), „in denen jemand mehr von
sich preisgibt als dort, wo seine Hände etwas machen. (...) Wenn
man zum Beispiel herausfinden möchte, was Mozart in der Zeit bewegt
hat, als er die sechs Haydn-Quartette schrieb, helfen die meisten biographischen
Daten wenig weiter. Wertvoller ist ein Blick in die ursprünglichen
Partituren, in denen eine für Mozart ungewöhnliche Anzahl
von Korrekturen und Streichungen zu sehen ist.“
De Moor geht es nicht um die Beschreibung eines Lebens oder einer Welt,
die dem Text vorausgeht: Das Schreiben läßt eigene Ereignisse
entstehen, eine eigene Wirklichkeit, die in erster Linie den Gesetzen
des Stils und der Komposition entspricht. Der Autor schafft eine Welt
aus Worten. Kunst ist ein Ereignis, das sich auf dem Papier vollzieht.
Es geht De Moor um die Erfahrung eines Schaffensprozesses, der durch
den Leser miterfahren wird, der seine Einsamkeit berührt, seine
Wertigkeit, seine Vernunft und seine Moral. De Moor verwendet einen
elliptischen Stil, d.h. daß innerhalb der Sätze bestimmte
Gedanken oder Vorstellungen nicht ausdrücklich benannt werden. „Sie
appellieren an den Kopf und das Herz.“ Für ihre Technik
verwendet sie alle möglichen rhetorischen und musikalischen Mittel,
um die Phantasie, das Gefühl und das Wissen der Leser zu fordern.
An allererster Stelle beherrscht sie wie kaum eine andere Autorin
die Kunst des Weglassens. Die Geschichten werden selten in chronologischer
Reihenfolge, als Aneinanderreihung von Ereignissen erzählt, eher ähnelt
der Lauf der Geschehnisse dem Gang eines Krebses.
Die Überschneidung von wirklicher und erlebter Zeit findet ihren
Ausdruck oft im Zeitwechsel der Verbformen. Verlangsamungen und Beschleunigungen
entsprechen in ihrem Werk häufig Wiederholungen oder unerwarteten
Zeitsprüngen.
Egal, wovon die Geschichten auf der Handlungsebene erzählen – von einer Liebesbeziehung, einem Kastraten und seiner Geliebten („Der Virtuose“), oder vom Schicksal der Zigeuner („Herzog von Ägypten“) –, bei De Moor kommt es in erster Linie auf den Stil an, auf das, was sich dem Thema entzieht – oder wie sie selbst es ausdrückt: „Es geht letztendlich um etwas, das so flüchtig ist, daß man es mit den Händen nicht greifen kann. Und doch ist es vielleicht das Allerwichtigste, nämlich das, wodurch die Geschichte (und im weiteren Sinne alle Kunst) uns anspricht. Es geht um einen Teil unseres Bewußtseins, um Träume, Gefühle und Denkbilder, die durch keine faßbare Tatsache in Beschlag genommen sind, für die es noch keine Wirklichkeit gab und die darum in voller Freiheit durch den abstrakten Atem der Kunst zum Leben gelangen.“
Dieser Text ist die leicht gekürzte Übersetzung
eines Beitrags von Anthony Mertens, dem ersten Verleger der Autorin,
zu ihrem Werk.
Aus dem Niederländischen von Imke Meier

Foto: Maria Neefjes
